Wenn es um mehr als Fakten geht: Lernen durch Peer-Involvement

Mittwoch, 20. März 2019 - Kategorie: E-Learning Trends

Lernen von Gleichgestellten und Gleichaltrigen: Der neueste Trend heißt Peer-Involvement. Das Lernen auf Augenhöhe findet in verschiedenen Bereichen Anwendung, denn das Konzept lässt sich sowohl auf die Schule als auch auf den Arbeitsplatz übertragen. Dabei werden zwischenmenschliche Beziehungen gestärkt und neue Ansätze zur Bewältigung wichtiger Themen erforscht. Hier erfahren Sie, was es mit dem Peer-Involvement auf sich hat und welche Vorteile diese Art der Wissensvermittlung mit sich bringt.

Wenn es um mehr als Fakten geht: Lernen durch Peer-Involvement

Wissen wird nicht nur durch Lehrer oder Eltern vermittelt. Vor allem im Jugendalter hat die Peergroup einen ganz besonderen Stellenwert. Als Peers werden Menschen ungefähr gleichen Alters mit ähnlichen Interessen, Hobbys und Vorlieben bezeichnet. Dass die Menschen, mit denen man den größten Teil seiner Zeit verbringt, das eigene Weltbild prägen, versteht sich von selbst. Doch die Peergroup zeigt vor allem dann ihre Stärke, wenn sie zu pädagogischen Zwecken eingesetzt wird.

Was sich nach einer bahnbrechenden Erfindung anhört, ist eigentlich uralt: Schon in der Antike1 war das Konzept des Gleichaltrigen als Wissensvermittler bekannt. Während der Renaissance wurde das Konzept wiederbelebt, bevor es im 19. Jahrhundert in England endgültig Fuß fassen konnte. Der Grund für die Ausbreitung des sogenannten "Peer Teaching" (Unterricht von Schülern durch Schüler) ist in erster Linie auf die Struktur der englischen Privatschulen zurückzuführen, an denen einzelne Jahrgänge von älteren Schülern betreut werden. Da es sich bei englischen Schulen weitgehend um Internate handelte, übernahmen ältere Schüler bei Hausaufgaben bisweilen die Rolle des Lehrers und Erziehers.
Dass sich Schüler gegenseitig helfen und dabei ihr Wissen oder ihre Erfahrung weitergeben, ist ein natürliches Phänomen, das sich in den 1970er Jahren ein neues Erziehungskonzept zunutze machte. Die Grundlagen der Peergroup-Education1 lassen sich in jedem Klassenzimmer finden, wobei diese Art der "Erziehung" in vielen Situationen größere Erfolge verzeichnen kann als herkömmliche pädagogische Konzepte.

Peer-Counseling - die Weitergabe von Erfahrungen

Laut den Ausführungen des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget2 lassen sich die kognitiven Fähigkeiten vor allem dann fördern, wenn sich Erzieher und Schüler auf derselben Ebene befinden. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von konkretem Wissen, sondern vielmehr darum, persönliche Erkenntnisse weiterzugeben. Dieses Erziehungskonzept ist vor allem bei der Sexualerziehung und der Suchtprävention erfolgreich, da sich das weitergegebene Wissen auf Erfahrungen stützt.

Die Peergroup ist neben der Familie das wichtigste Bezugssystem und löst diese ab einem bestimmten Entwicklungsstand sogar gänzlich ab. Deshalb ist es oft einfacher, eine Verhaltensänderung durch den Einfluss Gleichgestellter herbeizuführen. Nach Meinung des sowjetischen Psychologen Lew Wygotski3 nimmt die Peergroup beim Erwerb kognitiver Skills eine zentrale Rolle ein. Die Strukturen innerhalb einer Peergroup werden von den Mitgliedern selbst aufrechterhalten, wobei die Verantwortung gänzlich bei den Peers liegt. In der Entwicklungsphase ist dieser Faktor für Jugendliche von höchster Bedeutung.

Wenn es um Themen wie Suchtprävention geht, bietet sich das Peer-Counseling oft als die beste und einfachste Lösung an, um eine einschneidende Wirkung zu erzielen. Der enge Kontakt zu Gleichaltrigen führt bei Jugendlichen zu einem erhöhten Selbstbewusstsein, außerdem werden Erfahrungen innerhalb der Peergroup spontan ausgetauscht, die Grundsteine für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung werden gelegt. Im Peer-Counseling werden Argumentationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft erarbeitet, wobei Jugendliche Verhaltensweisen lernen, die für Beziehungen zu Gleichgestellten relevant sind.

Peer-Mentoring: Förderung durch Unterstützung

Das Peer-Mentoring ist als eine besondere Art des Peer-Involvement zu charakterisieren, wobei die Weitergabe von Wissen durch einen Mentor mit mehr Erfahrung an einen weniger erfahrenen "Mentee" erfolgt. Als praktisches Beispiel sind Studierende höherer Semester zu nennen, die Erstsemester unter ihre Fittiche nehmen. Das Verhältnis zwischen Mentor und Mentee ähnelt in gewissen Punkten dem Lehrer-Schüler-Verhältnis, unterscheidet sich jedoch insofern von diesem, dass die beiden Handelnden einer Peergroup zugehören und ihre Ziele übereinstimmen. Im Falle eines Studienanfängers und eines Studenten, dessen Studienzeit sich dem Ende zuneigt, haben sich beide Peers das Ziel gesetzt, ihr Studium abzuschließen. Der Mentor ist hier um einen oder mehrere Schritte weiter als der Mentee, wird jedoch von diesem immer noch als Freund und Vertrauter wahrgenommen.

Der brasilianische Pädagoge und Erzieher Paulo Freire stellte in den 1960er Jahren seine Theorien auf, laut dener es sich beim Lernen stets um eine soziale Praxis handelt. Zudem behauptete Freire4 das Lernen erfolge auch aufgrund der Machtstrukturen innerhalb einer bestimmten Peergroup. Beim Peer-Mentoring entwickelt sich eine Symbiose, bei der Lehrende zu Lernenden werden und umgekehrt.

Peer-Involvement im akademischen Umfeld

Auch an Universitäten wird das Peer-Learning erfolgreich eingesetzt. Gruppenarbeit, das Mentoring durch Studenten höherer Semester und Doktoranden sowie der rege Austausch innerhalb der eigenen Peergroup gelten als bedeutende Ansätze, die die wissenschaftliche Arbeit vorantreiben. Hier kommt das von Freire beschriebene Konzept des Lernprozesses zum Tragen, denn indem der ältere Student beziehungsweise der Doktorand sein Wissen an jüngere Studenten weitergibt, festigt er seine Kenntnisse und erforscht neue Perspektiven.
Universitäten bieten Arbeits- und Projektgruppen an, die anhand der Grundlagen des Peer-Involvement funktionieren und Studenten dazu anregen sollen, verschiedene Lebensbereiche miteinander zu vereinbaren und teamorientiert zu lernen. Neue Technologien haben einen erheblichen Einfluss auf das Peer-Learning, denn Plattformen wie Universitätsnetzwerke oder Social Media erlauben es Studierenden, sich außerhalb des offiziellen Lernprozesses zu organisieren. Inzwischen werden unter Studierenden sogar Peer-Tutors ausgebildet, um der erhöhten Nachfrage nachzukommen und im Team Eigenständigkeit und Sozialkompetenzen zu fördern.

Peer-Involvement: Lernen für die Zukunft

Spielend lernen - das ist in jedem Alter möglich. Wer von Kindesbeinen an in seiner Peergroup Zusammenhalt und Unterstützung erfährt, kann mit besseren Kommunikationsfähigkeiten im Erwachsenenalter rechnen. Das Konzept des Peer-Involvements im Schulunterricht fördert Freundschaften. Ähnlich verhält es sich im Studium, wo Lerngruppen und Workshops ein wichtiger Bestandteil eines jeden Studienganges sind. Das Lernen in der Peergroup liefert die Grundlage für die spätere Forschungsarbeit, für die kollaborative Fähigkeiten ausschlaggebend sind. Außerdem stützt sich der Vorgang des Forschens auf gegenseitigen Austausch von Informationen. In diesem Zusammenhang sei auch das Peer-Feedback erwähnt, das der gegenseitigen Unterstützung innerhalb einer Lerngruppe dient. Diese Methode der Rückmeldung ermöglicht einen vertieften Zusammenhalt der Gruppe und hilft dabei, Probleme rechtzeitig zu erkennen und zu beseitigen. Je nach Kulturraum variiert die Einstellung zum Peer-Feedback, wobei diese Methode vor allem in Asien auf Anklang stößt und somit eine überaus nützliche Funktion erfüllt.


Quellen:
  1. Peer-Involvement als pädagogisches Konzept
  2. Theoretische Begründung für Peer-Education Programme
  3. Lev Vygotsky
  4. Social Learning

   


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